Freitag, 18. Mai 2012

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    Vergessene Geschichte 14: Die türkische Revolution

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      Tom D. Allahyari erzählt die Geschehnisse der türkischen bürgerlichen Revolution von 1908, und lässt die verschwiegenen Kämpfe gegen den Sultan wieder aufleben.
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      Eine Postkarte feiert die Verfassung vom 24. Juli 1908 mit Enver Bey. „Lang lebe das Vaterland! Lang lebe die Nation! Lang lebe die Freiheit!“

      Das unumstößlich scheinende Paradigma der jüngeren türkischen Geschichte sagt zusammengefasst: In den frühen 20er Jahren erbaute eine kleine Elite unter Führung von Kemal Atatürk den modernen türkischen Staat auf den Ruinen des Osmanischen Reichs und vertrieb die Imperialisten. Die Masse der Bevölkerung war passiv und musste von einer kleinen aufgeklärten Gruppe aus dem Mittelalter geführt werden.

      Ideologie & Geschichtsschreibung

      Die offizielle Revolution 1919-1923 und die Niederlage der britisch-griechischen Invasion werden Atatürk zugute geschrieben. In Wirklichkeit waren sie Folgen der antiimperialistischen Kämpfe im britischen Empire, der Antikriegsbewegung in Griechenland und der russischen Revolution, nicht das Werk eines heroischen Führers.

      Bis zum heutigen Tag muss nach der kemalistischen Ideologie die Bevölkerung von oben vor den Gefahren des Islamismus und des Verlusts der nationalen Integrität geschützt werden - darunter leiden vor allem die Kurden. Von Anfang an war der Kemalismus Ausdruck der Interessen von Armeeoffizieren, Staatsbeamten und Intellektuellen. Er schrieb die Geschichte neu, um jede Rolle „normaler Leute“ an den politischen Umbrüchen zu verschleiern und um die Tatsache vergessen zu machen, dass an der Revolution Christen, Juden und Muslime beteiligt waren. Türken, Griechen, Armenier, Kurden und Bulgaren, Bürger, Soldaten und Arbeiter kämpften Seite an Seite gegen die  repressive Monarchie an. Sogar im Zentrum des Osmanischen Reichs, dem Gebiet der heutigen Türkei, waren 1908 20% der Bevölkerung Nicht-Muslime.

      Bürgerliche Revolution

      Entgegen der offiziellen Geschichtsschreibung hat schon 1908 in der Türkei eine bürgerliche Revolution stattgefunden. Kemal Atatürk hat darin keine Rolle gespielt. Sultan Abdülhamid II. wurde 1908 entmachtet, und die von ihm 1878 außer Kraft gesetzte Konstitution von 1876 wurde wiederhergestellt. Der erste Weltkrieg versetzte dem Sultanat später den endgültigen Todesstoss. Aber schon 1908 war die Monarchie zu einem Hindernis für die weitere kapitalistische Entwicklung geworden und die Menschen riefen nach Freiheit. Innerhalb der Armee hatten sich revolutionäre Zirkel gebildet, aber auch außerhalb der Armee hatte die Bewegung tiefe Wurzeln in der Bevölkerung. Der Sturz des Zaren in Russland 1905 und des Schah von Persien hatten die türkischen Revolutionäre inspiriert. Die Forderungen nach Demokratie, einem Ende der Unterdrückung und der Dominanz durch ausländische Mächte wurden immer lauter.

      Am 10. Juni 1908 trafen der russische Zar und der englische König zusammen und beschlossen, die türkischen Gebiete Kosovo, Manastir und das Gouvernement von Saloniki unter Kontrolle zu bekommen. Die wichtigste türkische Widerstandsorganisation, die CUP musste reagieren.

      Eine multiethnische Revolution

      Am 3. Juli 1908 nahm der revolutionäre, albanisch-stämmige Offizier Nijazi mit 100 Soldaten und einigen Hundert bewaffneten Zivilisten den Kampf auf. Schnell waren Städte in albanischen Gebieten der Manastir-Provinz erobert. In den Städten wurden Milizen gebildet um Sultan-treue Truppen abzuwehren. Als der monarchistische General Shemsi-Pasha mit zwei Batallionen eintraf um den Aufstand zu unterdrücken, wurde er von einem CUP-Offizier erschossen. Die Revolte verbreitete sich über Skopje über das ganze Land. Immer mehr Truppen verweigerten dem Sultan den Gehorsam und wurden von revolutionärer Propaganda mitgerissen. Am 26. Juli hatten in Istanbul 100.000 Menschen demonstriert (bei einer Gesamtbevölkerung von unter einer Million), in den Reden wurde immer wieder die Solidarität zwischen den verschiedenen Religions- und Volksgruppen gefeiert.

      Auch die Arbeiter hatten Grund zu feiern, der jüdische Arbeiterführer Abraam Benaroya beschreibt die Stimmung: „... Die Freiheit ist gekommen. Freiheit für Türken und für Christen, Freiheit für alle. Jetzt sind wir alle Brüder und Schwestern, Muslime, Christen, Juden, Türken, Albaner, Araber, Griechen und Bulgaren - Wir sind jetzt alle freie Bürger des Osmanischen Mutterlandes.“ Schon bald begannen die Arbeiter die neuen Freiheiten zu nutzen und für ihre Rechte zu streiken.

      Ohne ehrliche Aufarbeitung der Geschichte werden auch linke Kräfte es schwer haben, die schreiende soziale Ungleichheit, den alles erstickenden Nationalismus in der Türkei zu überwinden. Es gibt eine wunderbare Tradition der Solidarität und des gemeinsamen Widerstands zu entdecken.

      Lesetipp:
      „Making The Turkish Revolution“ von Cem Uzun (Bookmark)

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