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    Vergessene Geschichte 13: Der Aufstieg des algerischen Islamismus

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      Algerien, Oktober 1988: Jugendliche rebellieren gegen die massive Armut. Die Islamisten hatten riesigen Zustrom, gewannen 1991 legal die Wahlen, und wurden seither geächtet und verfolgt

      Das unabhängige Algerien ist von großer Armut betroffen. Wie sich in diesem Klima der Islamismus als größte soziale Bewegung etablieren konnte, beschreibt Hannah Krumschnabel.

      Algerien war jahrzehntelang für die Linke ein inspirierendes Beispiel für einen erfolgreichen Unabhängigkeitskampf. In der Befreiungsbewegung kämpften Juden, Christen und Muslime gemeinsam gegen die französische Kolonialmacht und gingen 1962 siegreich aus diesem ungleichen Krieg hervor.

      Doch es wurde schnell deutlich, dass das noch lange nicht den Frieden und soziale Sicherheit für den Großteil der Bevölkerung bedeutete. Einmal an der Macht, löste die FLN ihre fortschrittliche Politik schnell durch marktwirtschaftliche Öffnung und ein quasi-diktatorisches Regime ab. Darunter litten besonders die ärmsten Schichten in der Gesellschaft, und vor allem arbeitslose Jugendliche in den Städten.

      Noch bis Mitte der 1980er-Jahre unterstützte die algerische Militärdiktatur einen „gemäßigten" Islamismus, um die eigene Herrschaft abzusichern. Industrielle und Geschäftsleute wurden zu Hauptsponsoren islamistischer Gruppen. Doch die Basis der Bewegung waren gerade die enttäuschten Jugendlichen am Existenzminimum.

      Ausgerechnet als die ökonomische Krise die Verbitterung der Massen in den Städten vertiefte, wandte sich das Regime vom politischen Islam ab. Im Oktober 1988 explodierte diese Verbitterung in einem Aufstand, der mit spontanen Streiks begann und sich zu massiven Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und Polizei auswuchs. Diese Revolte gab den jungen Menschen den Glauben an ihre eigene Kraft zurück - und sie erschütterte die Regierung zutiefst. Plötzlich tauchten verschwunden geglaubte Regimekritiker auf, Frauenrechtlerinnen machten ihre Forderungen öffentlich, Journalisten berichteten offen.

      Doch die stärkste Opposition bildete der Islamismus um die Partei FIS. Ihre einfache Botschaft brachte die Verzweiflung der Stadtbevölkerung auf den Punkt, und gleichzeitig konnte sie die Bewegung kontrollieren. Trotz heftiger Repression gewann die FIS schließlich im Jahr 1991 die Parlamentswahlen - schnell annulierte das Militär das Ergebnis, die massive Unterstützung für die Islamisten äußerste sich aber genauso schnell in bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

      Parallel zu ihrem Aufstieg zeigten sich aber auch die Probleme der FIS: Es wurde zunehmend unklar, wofür sie eigentlich stand. Denn wo sie an die Macht kam, führte sie zwar restriktive Gesetze gegen Frauen oder „die westliche Kultur" ein, das erwartete politisch-soziale Programm blieb aber aus. Stattdessen wurde gegen höhere Löhne agitiert. Schließlich standen die Islamisten auch für die Interessen ihrer Finanziers. Aus diesem Widerspruch zwischen den verarmten urbanen Massen und den reichen Unterstützern folgte eine verwirrende Strategie, die im einen Moment Streiks verurteilte und im nächsten zum gewaltsamen Sturz des Regimes aufrief.

      Was folgte, war ein acht Jahre andauernder Bürgerkrieg zwischen dem Militär und islamistischen Guerillaorganisationen mit über 100.000 Todesopfern. Dabei ging es nie um einen Kampf zwischen Islam und Säkularismus. Die Islamisten setzten auch nicht auf ihre große Unterstützerbasis, sondern auf eine kleine bewaffnete Minderheit. Intern spaltete die Auseinandersetzung die herrschende Klasse in Algerien zwischen denen, die den Islamismus zum Machterhalt einsetzen wollten und denen, die ihn gewaltsam niederschlagen wollten. Tatsächlich profitierten beide Fraktionen von der „Kriegsökonomie".

      Der „Friedensschluss" 1999 zeigte endgültig die Widersprüche innerhalb der FIS auf: Sie versöhnte sich mit dem Regime und nutzte damit ihren reichen Unterstützern, und nicht ihrer verarmten Massenbasis.

      Die Ideologie der FIS will nicht Selbstbefreiung, sondern verfolgt eine Utopie der Aussöhnung der Klassen unter islamischem Gesetz. Der Basis der FIS aber geht es nicht vorrangig um reaktionären Sexismus sondern um eine solidarische Gesellschaft mit Arbeit für jeden. Dieses Versprechen kann der Islamismus nirgendwo halten - und das ist die Achillesferse jeder noch so starken islamistischen Bewegung.

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