Serikultur (Seidenproduktion) war seit langem Bestandteil der bäuerlichen Kultur in der Region. Es existierte eine uralte Tradition der Seiden Heimindustrie und viele Bauern beherrschten die Kunst der Seidenraupenzucht, Seidenspinnerei und Seidenweberei. Aber die umfassenden Veränderungen der sozialen Beziehungen im Libanon kamen erst mit der Industrialisierung der Seidenindustrie. Seidenhändler aus Lyon und Marseille auf der Suche nach neuen Rohmaterialien kamen im Gefolge des ersten weltweiten Wirtschaftsbooms von 1850 - 1890.
Der Libanon, damals ein Teil des osmanischen Reichs, war ideal dafür geeignet. Der Aufschwung der Serikultur zog die Region in die Umlaufbahn des französischen Kapitalismus. Zwischen 1836 und 1857 betrug der Anteil von Seide an den Exporten aus Beirut um die 22%. Um 1873 betrug der Anteil 82,5% aller Exporte. 1836 baute das Unternehmen Portalis die erste moderne Seidenspinnerei der Region in dem Dorf Btater.
Die großen Profite der französischen Firma verlockten weiteres Kapital, auch englisches und libanesisches, dazu, ihren Erfolg zu kopieren. Aber es war der Zusammenbruch des Feudalismus in der Region in den 1860ern, der die großen Umbrüche in der heimischen Industrie einläutete. Die neue Generation von Arbeiterinnen musste bereit sein, für 12 – 15 Stunden pro Tag um einen Piaster zu arbeiten. Im Vergleich dazu bekamen französische Spinnerinnen 4 Piaster pro Tag. Anfangs waren Waisenhäuser die Hauptquelle für Arbeitskräfte, dann wandten sich die Fabrikbesitzer auf der Suche nach Arbeiterinnen an die Dörfer. Nur dass die Unternehmer damit von den Dorfvorstehern abhängig waren, und diese führten oft harte Verhandlungen um den Preis der Arbeitskraft ihrer Töchter (und behielten deren Löhne). Die Fabrikbesitzer lösten das Problem indem sie sich direkt an die Mädchen wandten und schufen damit auch die erste einheimische Arbeiterklasse.
Es wäre falsch, sich die Zeit vor der Industrialisierung als ländliche Idylle vorzustellen. In der durch und durch hierarchischen Gesellschaft hatten Frauen immer eine niedrige Stellung. Aber die Idee, dass Frauen zuhause bleiben sollte, war unter den Bauern unbekannt. Frauen bearbeiteten gemeinsam mit den Männern die Felder, und von der Feldarbeit zur Werkbank war für Bäuerinnen kein besonders großer Schritt. Allerdings brachte Fabrikarbeit zum ersten Mal Frauen aus verschiedenen Gegenden bei gemeinsamer Arbeit zusammen und in Kontakt mit Männern außerhalb ihrer Familien.
Die Arbeiterinnen waren meistens junge Mädchen unter 18, viele waren noch Kinder. Meistens waren sie unverheiratet und wohnten in Schlafsälen nahe der Fabrik. Die beinharte Arbeit und die langen Arbeitstage forderten einen hohen Tribut von ihrer Gesundheit. Hunderte Mädchen wurden in den Fabrikhallen zusammengepfercht, wo sie über den Kesseln die Seidenkokons abwickelten oder die Spinnmaschinen bedienten.
In den 1890er Jahren arbeiteten über 12000 – über 23% der Frauen im arbeitsfähigen Alter – in den 149 modernen Fabriken. Um 1914 gab es 120000 Textilarbeiterinnen und –arbeiter in Libanon und Syrien zusammen. Mit den französischen Maschinen kamen allerdings auch französische Traditionen. Schon 1840 entließ der Hauptaktionär der Firma Portalis, Antoine Portalis vier Spinnerinnen wegen der „Verbreitung subversiver Ideen."
Die Fabrikarbeiterinnen stellten sich als sehr geschickt beim Erlernen der Fertigkeiten des Klassenkampfs heraus, und kreierten neue Methoden, um die Fabrikherren untereinander zu spalten. Oft haben sich die Mädchen aus verschiedenen Fabriken miteinander verschworen, erzeugten so Spannungen zwischen den Besitzern, die sich gegenseitig beschuldigten, sich einander die Mädchen abzuwerben. Eine andere verbreitete Taktik war Seide mit niedrigerer Qualität herzustellen, um einen Hebel für Verhandlungen über die Arbeitsbedingungen in die Hände zu bekommen. Um 1890 gingen die Frauen zu offenen Streiks über. Diese zunehmende Militanz verhalf ihnen zu einer Vervierfachung ihrer Löhne und sie erreichten so Gleichheit mit den französischen Arbeiterinnen.
Die Frauen erkämpften sich einen Ruf für ihren unbeugsamen Unabhängigkeitswillen. „Du benimmst dich wie ein Fabrikmädchen", schimpften Mütter ihre Töchter, während Männer von ihren Nachbarn damit gehänselt wurden, dass ihre Töchter Fabriksmädchen waren, die sie nicht kontrollieren konnten. Die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der Lohnarbeit transformierte das Leben von Frauen. Am Höhepunkt der Seidenproduktion betrug der Anteil ihrer Löhne ein ganzes Drittel des verfügbaren Volkseinkommens. Sie konnten ihre Aussteuer selbstständig aufbringen, ihre Kinder selbst großziehen, auswandern oder ein Geschäft eröffnen. Die Scheidungsrate stieg, sobald die Frauen ihre finanzielle Unabhängigkeit dazu nutzen konnten, aus unglücklichen Beziehungen auszubrechen.
Militanz, Selbstvertrauen und Unabhängigkeit der Frauen erzeugte eine moralische Panik. Ein neuer Schlag von rechten Moralisten kam zum Vorschein, die die Rolle der Frau als Hausfrauen – die so genannte „moderne Frau" - definieren wollten. Mädchen wurden zu „Hausprinzessinnen" erzogen, die sich um ihre Männer und Kinder kümmern würden. Sie sollten nicht in Fabriken arbeiten, streiken oder sexuell unabhängig werden. Diese Moralisten erhielten freudige
Unterstützung aus dem Mittelstand Beiruts und anderer Städte.
Das Fabrikmädchen als Antithese zur pflichtbewussten Tochter und Ehefrau schwebte über allen Diskussionen. Ihre Militanz war ansteckend. 1913 streikten in Beirut die Tabakarbeiterinnen für 15 Monatsgehälter im Jahr und bezahlten Urlaub, für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Gesundheitsversorgung und gewannen – auch für moderne Verhältnisse ein außergewöhnlicher Sieg. Der Kampf um Gleichberechtigung wurde zum Kampf um grundsätzlichen Wandel.
Der Kampf der Fabrikmädchen lehrt uns vieles, vor allem, dass Frauen heute zu ihrer traditionellen Rolle als Anführerinnen von Kämpfen zurückkehren müssen.
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