
Foto: Diana Davies Das Stonewall Inn im Oktober 1969. Am Fenster stand: „Wir Homosexuellen bitten unsere Leute inständig, sich bitte friedlich und ruhig auf den Straßen des Greenwich Village zu verhalten"
In beiden Fällen stieg die Diskriminierung von Homosexuellen an und warf die Bewegung weit zurück. Homosexuelle waren in den 1950ern und frühen 1960ern meist isoliert und mussten ihre sexuelle Orientierung verstecken und Scheinehen eingehen, ein Outing bedeutete ein ruiniertes Leben, Psychiatrie, Gefängnis oder Selbstmord. Trotzdem formierten sich in den 50er Jahren wieder erste Organisationen, wie die Mattachine Society (1950) und die Daughters of Bilitis (1955). Beide Vereine brachten auch Zeitschriften heraus und traten für die Bürgerrechte von Homosexuellen ein. Sie schlugen dabei allerdings einen sehr reformistischen Weg ein. Sie nahmen an, durch Anpassung und übertriebene Korrektheit – vor allem beim Aussehen – könnte man eine rechtliche Gleichstellung und Entkriminalisierung der Homosexuellen erwirken. Ab 1965 fanden auch Demonstrationen statt, die ebenfalls sehr geordnet abliefen. Ihre Bemühungen blieben allerdings weitgehend erfolglos, es gelang ihnen nicht die Massen anzuziehen. Die Homosexuellenszene blieb weiterhin größtenteils auf die Bars beschränkt.
Frustration Wieso es gerade am 27. Juni 1969 zu den Stonewall Riots kam, ist bis heute unklar. ZeitzeugInnen meinen es sei einfach „alles zusammen gekommen": die Frustration über die ständigen Diskriminierungen durch die Polizei, die Radikalisierung durch die Beteiligung an der Bürgerrechtsbewegung und vielleicht auch der plötzliche Tod von Judy Garland, Ikone der Schwulenszene. Als die Polizei in der bekannten Schwulenbar Stonewall Inn in Greenwich Village eine Razzia vornehmen und einige Gäste verhaften wollte, schlugen die BarbesucherInnen zurück. Sie warfen mit Flaschen und Steinen nach den Polizisten, errichteten Barrikaden und zündeten die Bar, in der sich die Polizisten verschanzt hatten, an. Die Aufständischen sahen die Bars, die nur selten von Homosexuellen geführt wurden und meist heterosexistische Ideen noch verstärkten, als Teil ihrer Unterdrückung. Der Aufstand dauerte drei Tage lang an, über 2.000 Menschen beteiligten sich am Kampf gegen die polizeilichen Schikanen.
Vernetzter Kampf Die Stonewall Riots brachten Homosexuelle erstmals als organisierte, kämpferische Gemeinschaft in das Bewusstsein einer Öffentlichkeit, die bis dahin Homosexualität nur als Krankheit oder Verbrechen wahrgenommen hatte. Aber auch das Selbstbild der Homosexuellen veränderte sich, man sah sich nicht mehr isoliert und als ständiges Opfer. In der Folge entstand eine Reihe von radikalen Homosexuellenorganisationen, wie etwa die Gay Liberation Front (GLF). Die meisten AktivstInnen der GLF waren vorher bereits an anderen radikalen Bewegungen dieser Zeit - wie etwa der Anti-Kriegsbewegung - beteiligt gewesen und hatten von diesen gelernt. Man versuchte nicht mehr sich vor der Öffentlichkeit zu verstecken, die Demonstrationen wurden größer und auch lauter und einige Mitglieder stürmten sogar Psychiatrietagungen, um ihre Ablehnung der gängigen Meinung Homosexualität sei eine psychische Krankheit auszudrücken. Die GLF sah sich als revolutionäre Organisation und distanzierte sich bewusst von den gemäßigten Vereinen aus der Zeit vor Stonewall. Man beteiligte sich auch an Demonstrationen gegen den Krieg und unterstützte beispielsweise die Black Panther Party finanziell. Die AktivistInnen sahen, dass die Ursache für ihre Unterdrückung dieselbe war wie für Rassismus und Krieg, ihr Ziel war es daher den amerikanischen Kapitalismus zu bekämpfen. Ab 1970 bildeten sich auch GLF-Gruppen in Europa. Im selben Jahr fand auch die erste Gay Pride Parade statt. Die Gay Liberation Front organisierte eine Demonstration in New York um an den Aufstand im Stonewall Inn zu erinnern und schuf damit die Tradition des Christopher Street Day.
Ausweitung Im Gegensatz zur früheren Bewegung wurde nun nicht mehr nur eine Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung für Homosexuelle angestrebt, sondern eine radikale Veränderung der gesamten Gesellschaft. Deshalb auch die Zusammenarbeit mit der Frauen-, Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung, sowie mit der ArbeiterInnenbewegung. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa bildeten sich verschiedenste neue radikale Organisationen. Deren Bestehen war zwar meist nur von kurzer Dauer, da man sich über die theoretische Ausrichtung oft nicht klar war, aber sie waren der Beginn einer neuen radikalen Homosexuellenbewegung und legten den Grundstein für alle zukünftigen Erfolge dieser Bewegung.
Linkswende
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